Daniel Gerab Wolle // „Uhry“ eine Performance von Arne Jendrach im Rahmen der „Gap“ Ausstellung

by admin on August 19, 2011

Verliert eine Performance eigentlich an Wirkung, wenn man im Vorfeld schon genaueres darüber weiß? Dies sollte eigentlich nicht der Fall sein. Über einen Film oder eine Theatervorstellung informiert man sich in der Regel ja auch im Voraus. Die gewonnenen Informationen sind letztendlich erst das Kriterium für einen Besuch. Aber komischerweise steht dieses Infomaterial nicht zur Verfügung, wenn es um Aktion geht.

Nur Künstler, Titel, Ort und Uhrzeit werden erwähnt. Die Performer sind, so scheint es, auf einen leeren und ungeformten Zuschauer ohne Erwartungshaltung angewiesen. Doch wie verhält es sich, wenn man am Entstehungsprozess beteiligt ist? Oder besser gesagt am Realisierungsprozess?

Arne hatte mich zwei Tage zuvor gefragt, ob ich ihm meinen VW Bus ausleihen könnte. Ich willigte ein und war sofort neugierig. Er erzählte mir grob wie die Performance aussehen sollte. Den genauen Ablauf hielt er aber im Verborgenen. Ich hatte also schon eine grobe Vorstellung von dem, was mich erwartete als ich zur Ausstellung fuhr. Eine Videoinstallation sollte die Ausstellungsbesucher auf die Aktion aufmerksam machen. In langen, grauen und tristen Einstellungen zeigte Arne den Autobahnrastplatz „Uhry“. Neben dem Bildschirm hingen – meiner Meinung nach sehr treffende – auf Papier gedruckte Sätze. Witzigerweise waren mir bei meiner letzten langen Fahrt in die Heimat, als ich alleine auf einem einsamen Rastplatz Halt machte, genau dieselben Gedanken in den Sinn gekommen. Der ideale Ort für ein perfektes Verbrechen oder generell für kriminelle Aktivitäten. Eine gesetzlose Insel, wenn man so will. Aber jeder, der sich auf einem Autobahnrastplatz schon einmal eine kleine Pause gegönnt hat, wird nicht von einer verwahrlosten und verkommenen Welt berichten. Eher von Stillstand, Lärm und matten Gesichtern. Eine kleine „Blase“ in der Welt der Autobahn. Neben den Sätzen hing zusätzlich noch eine Teilnahmeliste für die Performance. Eine Fahrt nach Uhry.

Nach längerem Überlegen beschloss ich schließlich, die Aktion zusammen mit weiteren vier Teilnehmerinnen zu bestreiten. In meinem eigenen Auto. Einen Fahrer hatten wir auch. Es war aber nicht Arne. Jedem von uns war irgendwie klar, dass wir auf diesem Rastplatz abgesetzt werden würden. Für wie lange war uns aber nicht bewusst. Auf Uhry angekommen verabschiedete sich der Fahrer und fuhr mit dem Auto davon. Wir waren plötzlich eingesperrt. Eingesperrt in einer Welt wo Fußgänger einen Radius von maximal 50 Metern genießen. Der Anschluss an die Realität ist auf Uhry ohne Automobil nun mal nicht gewährleistet. Halb so wild. Wir nutzten die Zeit um uns kennen zu lernen, rum zu albern und die Gegend genauer zu erkunden. Wir suchten nach Hinweisen. Vielleicht war das ja so was wie eine Mission. Oder ein großes Rätsel. Nach einigen Minuten gaben wir auf und widmeten uns dem Tratschen. Nach einer Dreiviertelstunde kam das Auto wieder brummend angefahren. Thomas – unser Fahrer – stieg aus und verwandelte den öden Rastplatztisch in eine Picknicklandschaft. Dies kam uns sehr entgegen, da wir eh überlegt hatten, eine Pizza zu bestellen. Die Brotzeit nutzten wir nach wie vor zum Quatschen. Als wir schließlich alle satt waren, schlugen wir nach insgesamt anderthalb Stunden den Rückweg ein.

Und wo war Arne? Während der ganzen Aktion hatten wir ihn nicht zu Gesicht bekommen. Ist das noch eine Performance? Ist ein Reiseveranstalter ein Performer? Oder verkörperten wir letztendlich Arne und die bisher nur in den Videos erlebten Momente? Schwierig, denn wir waren ja zu fünft. Die Tristesse dieses Ortes wirkte sich nicht besonders intensiv auf uns aus. Schließlich hatten wir ja Gesprächspartner. Aber zwangsläufig stellt sich mir die Frage, ob Arne uns gefahren hätte, wenn er einen Führerschein besäße. Eine Information, die ich aufgrund meiner Mithilfe erfahren habe. Ich denke schon. So hatte Arne aber durch seine Abwesenheit die Rahmenbedingungen der Performancekunst in Frage gestellt. Muss der Künstler überhaupt sichtbar oder hörbar sein. Muss es überhaupt Verweise auf ihn geben? Hätte die Aktion auch ohne die Videoinstallation funktioniert? Meiner Meinung nach wirft „Uhry“ mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Der Inhalt ist mir letzten Endes nicht ganz schlüssig geworden. Vielleicht sollte er es aber auch gar nicht. Viel interessanter waren die Rahmung und das Konzept. Und wir hatten immerhin unseren Spaß.

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