Christina Zais // Katze und Krieg – Wenn die Sonne untergeht (07.05.2011)

by admin on Juni 22, 2011

Es ist Punkt 20:49 Uhr, als an diesem Samstagabend in Braunschweig die Sonne untergeht und die Performance „Katze und Krieg“ im „Ein-Raum“ beginnt. Etwa 12 Zuschauer haben sich dort versammelt, um den zwei Akteurinnen Katharina und Julia bei ihrer Vorstellung zuzusehen.

Die Performance beginnt, indem sich die beiden Performerinnen Schminke und Glitzerpuder vor einem kleinen Spiegel an der Wand auftragen. Danach schaltet eine der Performerinnen das Licht aus. Sie heißt Katharina. Die andere Performerin Julia führt ein kleines Lichterspiel auf. Sie tanzt mit einer gelb-orangen Lichtkugel durch die Dunkelheit, schwenkt sie von oben nach unten und leitet so den Rundgang durch die Stadt ein.

Nachdem die in rot gekleidete Julia und die in blau gekleidete Katharina, die beide mit einem Mikrofon versehen wurden und die Zuschauer mit Kopfhörern ausgestattet haben, verlagert sich die weitere Performance auf die dämmernden Straßen Braunschweigs. Die Kopfhörer und Mikrofone sollen dazu dienen, dass die Zuschauer die Performer über den Abend  hinweg akustisch gut verstehen können. Der Marsch beginnt. Vorne voran die beiden Akteure Julia und Katharina, die sich miteinander unterhalten. Die Zuschauer folgen ihnen unauffällig.

Das erste von vielen Spektakeln findet etwa nach fünf Gehminuten an einem zur Straße gerichteten Balkon statt. In der Wohnung, die zum Balkon gehört, wird laut gefeiert. Da die Balkontür geöffnet ist, strömt laute Musik nach draußen. Es sind viele Stimmen zu hören, besonders die einer jungen Frau ist deutlich zu vernehmen. Ein junger Mann steht auf dem Balkon und raucht eine Zigarette. Julia und Katharina sprechen den Mann an. Sie fragen, wer er sei, warum er gerade feiert und was das für ein Lied sei, das im Hintergrund zu hören ist. Der Mann scheint etwas verwirrt zu sein. Er antwortet den beiden Frauen, dass er einfach so feiere, es sei schließlich Wochenende. Das Lied das im Hintergrund zu hören ist, trägt das Wort „Foto“ in sich. Anreiz genug für die Performerinnen den Mann zu fragen, ob sie hoch kommen dürfen, um mit ihm auf dem Balkon ein Foto zu machen. Der Freundin des Mannes, die sich in der Wohnung befindet, scheint diese Idee nicht sonderlich zuzusagen. Mit einer leicht aggressiven Stimme fordert sie ihren Freund auf, die Konversation mit den beiden „Fotzen“, wie sie die beiden Performerinnen nennt, sofort zu unterbinden. Der Mann versucht sie zu beruhigen, was jedoch nicht gelingt. Julia und Katharina schlagen deshalb vor, beim Nachbarn des Mannes zu klingen und ihn zu fragen, ob sie von seinem Balkon aus ein Foto machen könnten, um die Freundin des Mannes nicht weiter zu verärgern. Als die junge Frau jedoch mehr und mehr in Rage gerät, verabschieden sie sich und ziehen mit ihren Zuschauern weiter.

Der nächste Halt findet einige Meter weiter vor einem Restaurant statt. Viele geladene Gäste befinden sich mit einigen alkoholischen Getränken in den Händen vor der Eingangstür. Sie unterhalten sich. Das macht die beiden Performerinnen aufmerksam. Ohne lange nachzudenken, mischen sich die Beiden unter die Menge. Sie beginnen mit vereinzelten Gruppen Smalltalks zu halten, sie zu fragen, was die Leute hier so machen, ob es einen Grund gäbe, warum sie hier feiern. „Einfach so, wir feiern einfach so“ lautet die Antwort der Befragten, die sich ihr Lachen nicht verkneifen können. Die meisten Leute verstehen nicht ganz, was die beiden Frauen wollen. Als Julia und Katharina beschließen, sich in Katzen zu verwandeln und schnurrend auf den Knien durch die Meute zu schlendern, ist die Aufmerksamkeit auf dem Höhepunkt. Die beiden „Katzen“ schmiegen sich an die Beine der Leute, wollen gestreichelt werden. Das Gelächter der Menschen drum herum ist groß. Was zur Hölle tun diese Frauen?! Dennoch streicheln sie die Köpfe der beiden „Katzen“. Das ist Julia und Katharina jedoch nicht genug. Sie wollen, dass jemand auf ihnen reitet. Ein junger Mann springt über seinen Schatten und reitet auf Julia, jedoch würde seine Freundin jeden Moment kommen und diese Sache wahrscheinlich nicht gutheißen. Hendrik, das ist der Name des jungen Mannes, solle sich aber noch kurz mit ihr auf den Boden legen und sich wie eine Katze es tut, ausruhen und entspannen. Alleine möchte er es ungern, wenn aber alle anderen, die hier draußen stehen mitmachen würden, würde er sich dazulegen. Und so passierte es. Einige im Umkreis stehende Menschen legen sich zu Julia und Katharina auf den Boden, können das Lachen jedoch nicht  verbergen. Die beiden „Katzen“ fühlen sich bei den Menschen so wohl, dass sie nun gerne abgeleckt werden möchten und auch die anderen Fremden gerne ablecken würden. Das „Fragezeichen“ auf den Gesichtern ist deutlich zu erkennen, jedoch ist schnell ein Freiwilliger gefunden. Julia leckt sein Gesicht wie auch seinen Hals ab, ganz sanft, wie es eine Katze auch tun würde. Die Freunde des jungen Mannes machen Fotos, um dieses Spektakel für ewig festzuhalten. Schließlich würde ohne Beweisbilder niemand glauben, was gerade passiert. Jetzt möchte Julia abgeleckt werden. Nach kurzem Überlegen tut der Mann es, ist jedoch immer noch perplex. Der Abend hätte sich jetzt schon für ihn gelohnt, sagte er zu guter Letzt. Kurz darauf schlagen die beiden Performerinnen vor, ein Gruppenküssen zu starten. Es könnten sich alle, die Lust dazu haben, in einen Kreis stellen, die Augen schließen und dann ganz langsam mit herausgestreckten Zungen sich der Mitte nähern, bis sich die Zungen berühren. Der Vorschlag scheint keinen großen Anklang zu finden. Die Leute machen sich eher lustig über diese absurde Idee. Julia und Katharina schieben diese Reaktion der Leute auf den öffentlichen Raum, sie würden sich nur draußen nicht trauen, sich in der Gruppe zu küssen. Deshalb beschließen sie, die Aktion auf die Toilette des Restaurants zu verschieben. Leider ist es nicht so einfach in die Räumlichkeiten vorzudringen, da es sich heute um keine öffentliche Veranstaltung handelt und eine Gästeliste vorliegt, die nur einigen Menschen den Zutritt erlaubt. Nach einer kurzen Erklärung und einem wimmernden Blick, lassen sich die Organisatoren der Veranstaltung dazu bewegen, die Toilette für das Gruppenküssen zugänglich zu machen. Nur einige Wenige begleiten die Performerinnen auf die Toilette des Gasthauses. Zu fünft betreten sie eine Kabine in der Damentoilette, schließen die Tür und stellen sich in einem Kreis auf. Es handelt sich um die zwei Performerinnen, drei Zuschauer und einen etwas älteren Gast. Hier findet das Gruppenküssen nun statt, in einer kleinen Runde. Es dauert circa zwei Minuten. In der Zeit ist es sehr ruhig. Nachdem sich die Zungen wieder voneinander entfernt haben, und die beiden Performerinnen nun den Drang verspüren, die Toilette auch zu benutzen, kommen sie auf die spontane Idee, den Gruppenzusammenwuchs noch etwas zu stärken und neben den Zungen noch mehr voneinander kennenzulernen.  Ein Gruppenpinkeln. Drei der nun sechs versammelten Menschen müssen pinkeln, die anderen drei nicht. Da die Kabine sehr eng ist, beschließen die beiden Performerinnen, dass die anderen Drei, zwei Frauen und ein Herr, doch von der Nebenkabine aus beim Gruppenpinkeln zuschauen könnten. Das Zuschauen stellt sich jedoch als etwas schwierig heraus, da die Sorge besteht, die Toilette des Gasthauses kaputt zu machen, wenn man sich darauf stellt. Somit beschließen die drei nach einigen Fehlversuchen einfach, die Tür der Kabine zu öffnen. Da ist das Gruppenpinkeln gerade im vollen Gange. Julia steht mit hochgezogenem Rock auf der Toilette, Katharina beugt sich von links mit ihrer Hüfte darüber und der Herr zielt von vorne in die Toilettenschüssel. Leider landet mehr Urin neben der Toilette als in ihr. Bevor die Massenüberflutung jemandem auffällt, verlassen die Täter das Gasthaus und ziehen weiter.

Die nächste Station ist eine Jazzkneipe. Diese ist gut besucht, es sitzen sowohl viele in ihr als auch draußen. Julia und Katharina sprechen die Leute, die draußen stehen an. Zuvor hatten sie sich überlegt, ihre mitgebrachten Unterhosen in den Farben blau und rosa gegen die von den Besuchern der Kneipe zu tauschen. Diese verrückte Idee kommt jedoch leider nicht so gut an. Mehr als ein Schmunzeln und ein „Nein“ kommt den Leuten nicht über die Lippen. Die beiden Performerinnen geben jedoch nicht auf. Wenn schon niemand die Unterhosen gegen ihre eigenen Unterhosen tauschen möchte, dann halt gegen etwas anderes. Julia gefallen die Ohrringe einer Frau besonders gut. Die Frau hingegen weigert sich, ihre teuren Ohrringen gegen den Stofffetzen, der nicht einmal äußerst ansprechend aussieht, zu tauschen. Aber vielleicht finden die Beiden ja in der Kneipe jemanden, der zu einem Tauschgeschäft bereit ist. Die beiden jungen Frauen entdecken in der Kneipe viele verschiedene Sorten Schokolade, die sie gerne haben würden. Schokolade gegen Unterhose. Das wäre doch ein guter Tausch. Finden zumindest die beiden Frauen. Nach einem langen Hin und Her und einem Streit mit dem Wirt finden die zwei jedoch jemanden der ihnen die zwei Tafeln Schokolade kauft. Die Unterhosen werden zwar wieder in die eigene Tasche gesteckt, doch ihre Schokolade haben sie dennoch bekommen.

Die Tour geht weiter. Nun haben die beiden Performerinnen Lust, ihre neu erworbene Schokolade zu essen, jedoch nicht einfach so am Stück, sondern geschmolzen, in flüssiger Form. Doch wie soll dieses gewünschte Schokofondue entstehen, ohne ein Gerät, ohne Feuer, ohne eine Mikrowelle oder einen Topf? Vor einem Sushirestaurant wird wieder Halt gemacht. In einem Restaurant gibt es sicherlich die Möglichkeit, die Schokolade zum Schmelzen zu bringen. Julia und Katharina gehen hinein. Die Zuschauer bleiben draußen und schauen von dort aus zu. Die Frau am Empfang kann den beiden leider nicht weiterhelfen, da sie nicht versteht, was die beiden von ihr möchten. Sie ruft einen jungen Mann aus der Küche, der die deutsche Sprache gut beherrscht. Julia und Katharina fragen ihn, ob es möglich sei, die Schokolade in einer Mikrowelle oder einem Topf zu erhitzen. Der Mann sagt ihnen, dass er keine Mikrowelle hat und auch keinen passenden Topf dafür, da alles bereits gebraucht wird. Außerdem würde er eventuell Ärger mit dem Chef bekommen, der gerade nicht im Hause ist. Julia und Katharina geben nicht auf. Der junge Angestellte könnte den Chef doch anrufen und ihn fragen, ob es möglich sei, die Schokolade in der Küche zu schmelzen. Da der Chef jedoch nicht so gut deutsch kann und der junge Angestellte keine Lust auf weitere Diskussionen hat, verabschieden sich die Beiden und ziehen von dannen.

Die Schokolade soll aber unbedingt zum Schmelzen gebracht werden. Wenn der junge Japaner es nicht tun möchte, dann halt ein anderer. Der nächste Halt findet einige Meter weiter statt. Es befindet sich nur eine Frau in dem Lokal, die just in diesem Moment die Tür abschließt und das Licht ausschaltet. Julia und Katharina versuchen der Frau, die kein großes Interesse zeigt, noch mit Zeichensprache zu erklären, was sie von ihr möchten. Julia übernimmt den Part des Feuers, Katharina den Part der schmelzenden Schokolade. Leider vergeblich. Die Frau ist nicht mehr zu sehen. Daraufhin beschließen die Beiden, die Frau, die den Hinterausgang genutzt haben muss, hinter dem Lokal zu überraschen. Als die Beiden zusammen mit den Zuschauern den Hinterhof erreicht haben, ist die Frau leider schon weg. Ist der Plan nun hoffnungslos gescheitert?

Wie sich herausstellen wird, nein. Neben dem Hinterausgang des Lokals befinden sich noch einige Wohnhäuser, die zur späten Stunde noch zum Teil beleuchtet sind. Julia und Katharina versuchen ihr Glück in dem nächst gelegenem Haus. Sie klingeln bei allen Wohnungen, bis sich die Eingangstür öffnet. Sie laufen in den zweiten Stock. Eine Frau öffnet die Tür zu ihrer Wohnung. Sie fragt was die beiden jungen Damen möchten und ob sie von der Party, die unten im Haus stattfindet, kommen würden. Julia und Katharina sagen nein und erklären ihr, dass sie Lust auf ein Schokofondue haben und fragen wollten, ob sie die Mikrowelle der Frau benutzen könnten. Die Frau ist ganz entsetzt. Man könne doch nicht einfach bei wildfremden Menschen klingeln und so etwas verlangen. Außer sich schmeißt die Frau die Beiden raus, folgt ihnen bis nach draußen und vergewissert sich, dass die Eingangstür nun geschlossen ist. Ganz erstaunt darüber, so viele Leute vor ihrem Haus stehen zu sehen, schaut sie noch einige Minuten vom Flurfenster auf den Hinterhof und beobachtet die Szenerie im Dunkeln.

Im Haus gegenüber entdecken die Beiden noch einige andere beleuchtete Fenster. Es wird sich doch wohl jemand finden, der ihnen die Tür öffnet und ihnen eine Mikrowelle zur Verfügung stellt. Sie drücken wieder alle Klingeln, bis sich die Hauseingangstür öffnet. Sie laufen dieses Mal in den dritten Stock. Oben angekommen, öffnet ihnen ein Familienvater die Tür, der ihre Idee sehr amüsant findet und sie deshalb hereinbittet. Sein Sohn ist außerdem im Haus. Als die Zuschauer bemerken, dass es sich um einen freundlichen Mann handelt, der die Aktion scheinbar unterstützt, folgen die Zuschauer den Akteuren in die Wohnung des Mannes. Er kann kaum glauben, was hier gerade in seiner Küche passiert. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten mit der Mikrowelle und netten Konversationen, ist die Schokolade nun warm, flüssig und zum Verzehr geeignet. Julia und Katharina beschließen, dass sich alle in die kleine Küche quetschen, sich auf den Boden setzen und dann zusammen aus dem kleinen Topf die Schokolade mit den Fingern essen sollen. Alle machen mit und füttern sich genüsslich gegenseitig, bis der Topf leer ist. Der Hausherr macht nicht mit. Er bittet noch seinen Sohn ein Bild von der Szenerie in der Küche zu machen, da ihm sonst kein Mensch glauben würde, dass das wirklich passiert ist, wenn er es morgen erzählt. Während des Schlemmens setzen plötzlich die Mikrofone und die Kopfhörer aus, sodass es nun schwierig ist, für die Leute draußen gar unmöglich, die Gespräche zu verfolgen. Die technischen  Schwierigkeiten lassen sich auch nicht beheben. Mit einem Schokoladenkuss für den Hausherren verabschiedet sich die Runde aus der Wohnung.

Die ganze Truppe schlendert nun wieder zurück zum „Ein-Raum“ in den Handelsweg, der von der Wohnung einige Gehminuten entfernt ist. Mittlerweile sind die Straßen leerer geworden. Vor der Jazzkneipe ist niemand mehr zu sehen, auch vor dem Restaurant ist es stiller geworden. Aus der Wohnung mit dem Balkon tönt noch Musik, nur ist diese ruhiger und nachdenklicher angehaucht.

In den Bars im Handelsweg sitzen noch Leute, trinken und unterhalten sich. Nach dem Betreten des „Ein-Raum“ legen alle ihre Kopfhörer zur Seite. Julia und Katharina schreiten zum Spiegel und schminken sich ab. Alle sehen dabei zu. Kurz darauf stellen sich die Beiden in die Mitte des Raumes, verbeugen sich und verkünden, dass hiermit die Performance beendet sei und laden alle Zuschauer zu einem Schluck Rotwein und einem gemütlichen Beisammensitzen ein.

Es ist 22:30 Uhr.

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